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The Revival Tour – 02.11.2012, Hamburg, Uebel&Gefährlich

the revival tour Um die Pointe gleich vorweg zu nehmen: The Revival Tour wird mit großer Wahrscheinlichkeit DAS Konzert des Jahres 2012. Dies liegt jedoch weder am ungünstigen Veranstaltungsort, noch am in Teilen unangenehmen Publikum. Die Raumaufteilung im Ue&G eignet sich für Konzerte, gerade solche, bei denen der Blick auf die Bühne, auf das Zusammenspiel der Musizierenden essentiell ist, schlicht und ergreifend nicht. Nur eine Bar, selbige liegt vor dem Raucherraum und gegenüber des Ein- und Ausgangs, dazwischen, bei ausverkauftem Hause, Drängeln und Schubsen, denn ab Reihe fünf war bei einer Körpergröße unter 180cm kein Blick mehr auf die Bühne möglich und auf den gefühlten 100m von der Bühne bis zur Toilette wurde ich so übel beschimpft wie nicht einmal kumuliert in meinen vergangenen 20 Jahren Konzerterfahrungen.

Zudem Besucher, die nicht müde wurden, unsinnige Zwischenrufe zu tätigen und eine gerade bei den leiseren Tönen stetig anschwellende Gesprächskulisse zeugten auch nicht gerade vom ernsthaften Interesse. Die Tatsache, dass trotz einiger widriger Umstände dieses Konzert zu den absoluten Highlights 2012 zählte, ist somit Chuck Ragan und seinem Consortium zuzuschreiben. Sie erreichten nämlich jenes Publikum, das sicher und gekonnt die Texte der einzelnen Musiker mitsang, sich versonnen im Takt mitwog und frenetisch jubelte.

Ragans Begleitmusiker Jon Gaunt (Fiddel) und Joe Ginsberg (Kontrabass) wuchsen mit den Jay Malinowksi begleitenden „Deadcoast" durch eine weitere Geige, Bratsche und Cello zeitweilig zu einem Streichquintett an, welches vielen Liedern ganz neue Nuancen verpasste. Die ersten 20 Minuten fand sich die gesamte zehnköpfige Touraufstellung gemeinsam spielend auf der Bühne. Wie aus dem Vorjahr bekannt, sang jeder ein Lied, die Instrumente wurden fleißig gewechselt und die Spielfreude und Harmonie auf der Bühne zauberte fröhliche Gesichter in die vorderen Reihen. Im Anschluss folgten knapp halbstündige Sets der einzelnen Musiker, welche im stetigen Wechsel durch die anderen Mitglieder der Kollaboration begleitet wurden. Cory Branan schonte als erster des Reigens weder sich noch seine Gitarre. Durch sein Extrempicking und viele percussive Einwürfe riss er sich ein Mittelfingergelenk blutig, was ihn jedoch zunächst nicht von seinem intensiven Spiel abhielt. Nach weiteren zwei Stücken und dem Anreichen eines Pflaster aus der ersten Reihe, gab er sich mit dem Worten, er werde fortan „die Scheisse aus dem Instrument herausprügeln", doch den mittlerweile klebrigen Saiten und Finger geschlagen, begleitete aber ungemindert hingebungsvoll seine sprechgesangartig vorgetragenen Geschichten durch harten Plectrumeinsatz. Das einzige Manko könnte die Anforderung von mindestens guten Englischkenntnissen an das Publikum gewesen sein, denn so unterhaltsam und realgetreu er die Anekdoten auch vortrug, mussten die Zuhörer doch sehr viel Text in sehr kurzer Zeit verdauen.
Die zierliche Australierin Emily Barker übernahm anschließend die Bühne. Mit sanfter Stimme sang sie Stücke die ihr Leben, das ihrer Familie oder der Gesellschaft im Gesamten betreffen, legte dabei großen Wert darauf, dem Publikum die Inhalte nahe zu bringen und erzählte in den Pausen viel zu den Stücken. Kanarienvogelgleich fühlten sich dadurch auch viele Zuhörer zum Erzählen eigener Geschichten ermutigt, doch Barker ließ sich zum Glück dadurch nicht beirren, wechselte unaufhörlich zwischen Akkustik- und E-Gitarre, trat die Pedal-Bassdrum und spielte Mundharmonika.
Es folgte der Kanadier Jay Malinowski (Bedouin Soundclash), dessen Stimme erhebliche Ähnlichkeit zu seinem Landsmann Bryan Adams aufwies. Das Streichterzett „Deadcoast" begleitete nicht nur auf den Saiten, sondern auch chorisch neben ihrem Spiel. Durch percussive Passagen und Zupfen der Streichinstrumente entstanden Tonfarben, die gemischt mit Malinowskis Klavierspiel so sphärische Klangwelten entstehen ließen, wie man sie von vier Leuten kaum erwarten würde. Hingebungsvoll, mal stark, mal mit verletzlicher Stimme zog der Kanadier in seinen Bann und wirkte sehr sympathisch und humorvoll als ihm zunächst die als Bassdrum eingesetzte Cajon unter den Pedaltritten davonrutschte und später sein Gitarrengurt die Halterung verließ. Chuck Ragan eilte noch zur Hilfe, schaffte es aber ein geschlagenes Lied lang nicht, den Schaden zu beheben und brachte Malinowski schließlich so durcheinander, dass er eine Strophe lachend neu ansetzen musste.
Der gebürtige Texaner Rocky Votolato sollte der nächste beim Bühneentern sein. Mit Soprano-mäßigem Namen ausstaffiert und sehr gut gelaunt, schickte er seinen treibenden Folk-Rock über die Rampe. Votolatos angenehm raue und gleichzeitig schmeichelnde Stimme brachte nicht nur die beschwingteren Nummern, sondern auch seine kritischen, gesellschaftsreflektierenden Titel einnehmend zur Geltung.
Als letzter in der Auftrittsreihe übernahm der Kollaborations-Initator persönlich das Mikrophon. Sind im vergangenen Jahr auch keine neuen Titel zum Set von Chuck Ragan hinzu gekommen, so präsentierte er die wohlbekannten Lieder dennoch mit einer Hingabe, als sänge er sie zum allerersten Mal, danach nie wieder und nur für jeden einzelnen im Publikum persönlich. Sein Charisma wurde schon zuvor bei den Gast-Auftritten in den Sets seiner Mitstreiter deutlich, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, zog seine Präsenz die Aufmerksamkeit auf ihn. Er durchlitt seine Lieder, durchkämpfte und durchlebte sie mit oft geschlossenen Augen. Dazu gab es weniger Erklärungen als im Vorjahr, aber seine Intensität ließ das Publikum die Texte auch unkommentiert mitfühlen.
Zum Abschluss versammelte sich noch einmal die gesamte Truppe auf der Bühne, erneut sang jeder individuelle Lieder, begleiteten zirkeltrainingartig wechslende Instrumentierungen. Das a capella-Stück „On the Bow" sorgte trotz zunehmend stickiger Luft und hohen Temperaturen für Ganzkörpergänsehaut und nach einem erneuten Zugabeblock verabschiedete sich nach über drei Stunden pausenloser, wunderbarer musikalischer Vielfalt die Revival Tour bis auf weiteres aus der Hansestadt.

Julika Quickert

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