Metal-Kreuzfahrten sind in Skandinavien nichts Ungewöhnliches. Seit 2010 haben auch Sabaton ihre eigene „Sabatonkryssen", die dieses Jahr zum zweiten Mal in die Baltische See stach. Mit an Bord waren die schwedischen Kollegen von Persuader und Bloobound sowie die deutschen Melodic-Death-Metaller aus Grailham City, die Grailknights. Nachdem das „Kreuzfahrtschiff", die Silja Galaxy, die nicht mehr als eine bessere Fähre ist, die regelmäßig zwischen Stockholm und dem finnischen Turku pendelt, gegen 19 Uhr die Tore öffnete, strömten Sabaton-Fans aus Schweden und der übrigen Welt auf das Schiff, wo sich viele auch sogleich im bordeigenen Supermarkt mit günstigem Bier eindeckten.
Alkohol ist in Schweden nicht gerade billig, die „Kreuzfahrt" hingegen schon und das Bier an Bord ebenfalls. Ein entsprechendes Publikum schien sich teils nur dort eingefunden zu haben, um den heimischen Vorrat alkoholischer Getränke aufzustocken. Nun ja, Bier und Metal gehören dann eben doch irgendwie zusammen. Nach einem völlig überteuerten Dinner-Büffet fingen die Konzerte dann kurz nach 22 Uhr im Veranstaltungssaal des Schiffes auch gleich mit den Gastgebern an.
Für viele Anwesenden scheint Sabaton fast schon eine Religion zu sein. So ließ es jedenfalls die überschäumende Stimmung unter den Fans schon vor Konzertbeginn vermuten. Als die Band dann die Bühne stürmte und gleich die größten Hits nacheinander abfeuerte - die ersten fünf Nummern waren „Ghost Division", „Primo Victoria", „40:1", „Attero Dominatus" und „Cliffs of Gallipoli" - wurden in der Menge vor der Bühne geradezu orgiastische Emotionen freigesetzt. Nachdem die besten Songs nun abgehandelt waren, konzentrierte sich die Band während der zweiten Hälfte des Auftritts auf das letzte Album. Unter anderem gab es auch „The Final Solution" zu hören, ein Lied über die Endlösung des Nazi-Regimes. Gerade in Deutschland sollte man die Ereignisse von vor 70 Jahren nicht immer mit übertriebener Vorsicht behandeln und musikalisch ist der Song durchaus gelungen, inhaltlich sollte man ihn aber doch lieber nicht ins Live-Set nehmen. Wenn hunderte Fans voller Inbrunst „Enter the Gates, Auschwitz awaits" singen, fragt man sich dann schon, ob so etwas tatsächlich auf einem Konzert gefeiert werden sollte. Das Konzert endete dann mit Joakim Bródens unheimlich origineller und auch beim drölfzigsten Mal immer noch nicht lustiger Ankündigung eines Songs über seinen Penis. Zur Überraschung vieler war es diesmal aber weder „Metal Crüe" noch „Metal Machine", sondern „Metal Ripper", der schwächste der drei „Metal"-Songs. Dafür, dass es die bandeigene Cruise war, war dieser Auftritt wenig spektakulär. Die merkwürdige Setlist ließ die zu Beginn euphorische Stimmung auch stetig abebben. Aber es war ja erst das erste von zwei Sabaton-Konzerten und der Beginn der musikalischen „Kreuzfahrt".
Danach wurde die Bühne zu Castle Grailskull umgebaut. Dies dauerte seine Zeit, so dass sich der Beginn der Grailknights-Show nach hinten verschob, was der Band entgegenkommen sollte. Denn Sabaton-Fans sind anderen Bands anscheinend nicht sonderlich aufgeschlossen, so dass kaum wer im Saal verweilte, um die Deutschen zu sehen. Da aber nach den Grailknights erneut Sabaton auf dem Programm standen, füllte sich der Saal während des Konzertes zunehmend, da man schließlich keine Sekunde von Sabatons zweiter Show verpassen wollte. So beendeten die Grailknights ihr großartiges Konzert vor einer durchaus beachtlichen Menge. Es begann aber vor ein paar wenigen Gestalten mit „Grailquest Gladiators". Es folgten weitere Großtaten, wie „The White Raven" oder „Nameless Grave" vom letzten Album, die stilecht in den überarbeiteten Heldenkostümen präsentiert wurden. Auch Zapf Beauty war mit dabei, hieß des besseren Verständnisses wegen an diesem Abend jedoch Beer Beauty und verteilte auch nicht das übliche Fässchen, sondern Dosenbier aus Pappbechern, weil es die Regularien an Bord so vorschrieben. Der Freude der durstigen Fans schadete dies aber nicht. Nach einer Runde „Grailrobics" gab es noch das wie die sprichwörtliche Faust passende Bonnie-Tyler-Cover „Holding Out for A Hero", bevor die epische Schlacht mit dem grandiosen „Moonlit Masquerade" dann geschlagen war. Dank der Verzögerung kamen so mehr Gäste zu diesem Genuss, der bei vielen auch ein solcher gewesen zu sein schien. Ein wirklich heldenhafter Auftritt!
Damit alle Passagiere, die in Turku das Schiff verlassen wollten, auch so viel Sabaton wie geht erleben konnten, folgten erneut die Gastgeber. Die zweite Show begann mit den akustisch vorgetragenen „Swedish Pagans" und „Aces in Exile". Danach war der Auftritt von Fan-Abstimmungen geprägt, die sich aber sehr „russisch", sprich manipuliert anfühlten. Als erstes wurden zwei Amerikaner auf die Bühne gebeten. Matt und Mike hatten der Band auf der nordamerikanischen Accept-Tour geholfen. Aufgrund von nicht näher erklärten Problemen, hätte es die Band nicht zum nächsten Konzert geschafft. Kurzerhand haben Matt und Mike die Band im privaten PKW neun Stunden zum nächsten Veranstaltungsort gefahren. Zum Dank überreichte Bróden den beiden auf dieser „Kreuzfahrt" ein goldenes Ticket, welches ihnen lebenslang freien Eintritt zu jeder Sabaton-Show garantiert. Außerdem durften sich die beiden jeder einen Song aussuchen, der gespielt werden sollte. Einzige Bedingung, der Song muss auf der Setlist stehen. Großartig. Dann durfte das Publikum per Jubel zwischen „White Death" und „Talvisota" wählen, die dann aber doch beide performt wurden. Als sich jemand, der scheinbar nachträglich an Bord gekommen war, „40:1" wünschte, wies ihn Bróden darauf hin, dass dieser schon im ersten Set gespielt wurde. Stattdessen hörte er irgendwoher den merkwürdigen Wunsch „Stalingrad", welcher dann auch dargeboten wurde. Eine spontanere Band hätten „40:1" ein weiteres Mal gespielt, Sabaton hören dann aber zum Glück doch noch zufällig den passenden Wunsch... Von diesen Abstimmungen folgten noch weitere, bevor mit dem fantastischen „Price of A Mile" und dem obligatorischen „Metal Medley" auch der zweite Auftritt sein Ende fand. Das erwähnenswerteste war zum Schluss die Enthüllung des Titels und Covers des im Mai erscheinenden neuen Studioalbums. Dieses wird den Titel „Carolus Rex" tragen und zur Abwechslung mal vom Großen Nordischen Krieg handeln. Die Hits waren schon fast alle verbraten, Überraschungen gab es nur wenige und Fannähe sieht auch etwas anders aus. Auf der eigenen „Sabatonkryssen" hätte man doch etwas mehr von der Band erwarten können.
Nach einer Nacht auf See und einem kurzen Stopp zum Ent- und Beladen in Turku, Finnland, standen am nächsten Tag noch die Konzerte von Persuader und Bloodbound an. Gegen 14 Uhr absolvierten Persuader einen guten, unaufgeregten Auftritt vor überschaubarer Menge. Sänger Jens Carlsson lieferte mit einer Dose Bier in der Hand eine hervorragende Leistung ab. Neben starken Nummern, wie „Sanity Soiled" und „Strike Down", gab es auch mehrere Stücke vom bald erscheinenden neuen Album zu hören. Hier überzeugte vor allem „Behemoth" gleich beim ersten Mal. Danach waren zum Abschluss der „Kreuzfahrt" noch Bloodbound an der Reihe. Viele der Sabaton-Fans hatten sich von einer langen, alkoholgetränkten Nacht bis zu diesem Zeitpunkt wieder erholt und sahen sich den finalen Auftritt an. Die Show begann mit „Moria" vom aktuellen Album und endete mit „Nosferatu" vom gleichnamigen Debütalbum. Dazwischen gab es guten, melodischen Metal, der auch auf einige Gegenliebe stieß.
Die drei Support-Acts haben in der knapp bemessenen Zeit gute bis sehr gute Konzerte geboten. Vor allem die Grailknights haben ihren Humor auch auf einer schwedisch-finnischen Fähre anbringen können, ohne musikalisch zu enttäuschen. Nur die Gastgeber blieben hinter den Erwartungen zurück. Sabaton boten nichts, was es nicht auf jedem normalen Konzert der Band auch zu erleben gibt. In solch einem Rahmen darf und muss man von der Band mehr erwarten. Es war aber eben nur Routine. Ein weiterer Standardauftritt am Ende eines langen Konzert-Jahres. Die „Kreuzfahrt" selbst kann man als solche auch nicht bezeichnen. Den Schweden dient so etwas auch mehr der günstigen Alkoholbeschaffung, denn einem anderen Zweck, so schien es. Gute Musik gibt es halt als Bonus. Der Service war so vielen durstigen Metal-Fans nicht gewachsen und das Schiff sah schon bald wie ein Schlachtfeld aus. Zum Abgewöhnen kann man solch eine Cruise mal mitmachen, Konzerte auf dem Festland genügen aber vollkommen. Oder eben eine richtige Kreuzfahrt...