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"World Dystopia Tour" / Zeche, Bochum, 30.10.2011
Mit dem neuen Album „Dystopia" haben Jon Schaffer's Iced Earth zu alter bzw. mittelalter Stärke zurückgefunden und das beste Album seit zehn Jahren, um genau zu sein seit der „Horror Show", vielleicht sogar der „Something Wicked This Way Comes" abgeliefert. Mit dieser starken Platte im Gepäck geht es nun auf die größte und längste Welttour, die die Amerikaner je bestritten haben. Wen wundert's, bei Jon Schaffer ist immer alles am größten und längsten... Auftakt ist am Sonntag, dem Vorabend von Halloween, einem Abend voller Premieren, in der Bochumer Zeche.
Es ist nicht nur das erste Konzert der Tour, für Vorband Nr. 1, Fury UK, ist es zugleich der erste Auftritt außerhalb des Vereinigten Inselreichs. Der Beginn war für 20 Uhr angekündigt, doch nach etwas mühsamer Anfahrt um 19:50 Uhr endlich in der Zeche angekommen, kündigen Fury UK gerade ihren letzten Song an. Zu schade, denn die drei Jungs aus Manchester zocken besten Heavy Metal in Reinkultur. „Death by Lightning" kann vor allem mit dem genialen Solo-Part überzeugen und reißt alle in der mehr als gut gefüllten Halle mit. Das Publikum dankt es mit viel Applaus und einem schönen Fotomotiv für die Band, die ihren ersten Auftritt in der Fremde sichtlich genießt. Wer es klassisch und traditionell mag, sollte sich die Brüder Appleton und Martin McNee unbedingt auf den Zettel schreiben.
Pünktlich nach der Tagesschau beginnen dann White Wizzard ihre Show. Nach einem zum All Hallow's Eve Eve passenden Intro bietet der bunte Haufen aus Los Angeles beste NWoTHM-Musik. Neben zwei Nummern vom 2011er Album „Flying Tigers" hat man mit ‚Over the Top' oder ‚High Speed GTO' vor allem die starken Nummern von der gefeierten EP und dem ersten Album im Gepäck. Nach 40 Minuten endet ein Insgesamt solider Auftritt, im direkten Vergleich mit der mitreißenden Darbietung von Fury UK bleiben White Wizzard allerdings etwas blass.

Letzten Endes haben aber beide Bands nur den Moment hinausgezögert, auf den wohl alle gewartet haben: die Live-Premiere des neuen Sängers von Iced Earth. Gegen 21:10 Uhr werden die Lautstärkeregler in der Zeche auf 11 gedreht und das Intro von ‚Dystopia' ertönt. Ohne Pause folgen ‚Burning Times', ‚Angels Holocaust' und ‚Slave to the Dark', was an diesem Abend der einzige Song von der „The Dark Saga" bleiben soll. Diese Songs bieten einen Überblick über alle (relevanten) Phasen der Bandgeschichte und erlauben es Stu Block gleich zu zeigen, dass er mit allen Songs umzugehen weiß. Vom ersten Moment an erkennt man deutlich, dass Block ein gänzlich anderer Typ ist, als sein Vorgänger. Während Barlow die Publikumsinteraktion auf ein Minimum reduziert hat, sucht Block den Kontakt zu den Fans, spricht zur ersten Reihe, macht Scherze und animiert. Stimmlich merkt man ihm eine gewisse Nervosität zu Beginn noch deutlich an, im Laufe des Abends wird es aber besser. Klingt er auf Platte oft verdächtig nach Barlow, sind es live vor allem die anderen Songs, die besonders gut gelingen. Vom neuen Album werden insgesamt sieben Stücke präsentiert. Darüber hinaus wird jedes Album mit mindestens einem Song gewürdigt. ‚Stormrider' fehlt zwar erneut, dafür gibt es ‚Pure Evil' zu hören. Fast wären die letzten drei Alben gekonnt ignoriert worden, dann gibt es aber doch noch ‚Declaration Day'. Das selbstbetitelte Debüt wird mit dem starken ‚When the Night Falls' gewürdigt und von der „Horror Show" gibt es diesmal das geniale ‚Damien'. Bei letzterem wird der gesprochene Mittelteil leider frühzeitig von Drummer Smedley unterbrochen, was ihm sofort einen Tadel von Herrn Schaffer einbringt. So was passiert eben bei einem Tourauftakt. Nach ‚Tragedy and Triumph' mit seinem großartigen Riff, was auch schon das Album beschließt, endet der normale Block und die Band verlässt die Bühne. Aber ein Album fehlt doch noch. Wird die „Burnt Offerings" schon wieder sträflich vernachlässigt? Nein, auf dieser Tour nicht. Im Vorfeld wurde ein Song, DER Song bereits angekündigt und, wie es Schaffer mit seinen neuen oder alten neuen Sängern gerne macht, gleich neu aufgenommen. Aufgrund eines fehlenden Click-Tracks lange nicht im Live-Programm gewesen, von den Fans immer wieder gefordert, gibt es das Meisterwerk von Iced Earth auf dieser Tour endlich wieder zu hören: „Dante's Inferno". 17 Minuten Power Metal der Extraklasse. Stu Block liefert hier seine beste Leistung ab. Etwas andere Gesangslinien, etwas mehr Power, so klingt der Song 2011 besser denn je. Ein Genuss... ...wenn der Sound in der Zeche nicht so schrecklich schlecht wäre. Trotz „geübter" Ohren und Hörschutz macht sich die Lautstärke noch am nächsten Morgen rauschend bemerkbar. Laut wäre aber nicht so schlimm, wenn es dabei vernünftig ausgesteuert wäre. Wenn aber Bass und Gitarren spielen, dröhnt es nur noch aus den Boxen und der Gesang wird völlig überlagert. Vielleicht ist das ebenfalls der Tatsache zuzutragen, dass es das erste Konzert ist, aber diese Soundkatastrophe macht leider auch die besten Songs zunichte. Schade. Nach dem obligatorischen ‚Iced Earth' ist dann nach knapp zwei Stunden auch Schicht im Schacht und die geschundenen Ohren können sich erholen.
Was sich auf Platte schon angekündigt hat, ist mit diesem Auftritt Gewissheit geworden: mit Stu Block hat Schaffer einen adäquaten Ersatz für den charismatischen Barlow gefunden, der ihm stimmlich auch das Wasser reichen kann. Mit dem frischen Wind, den er in die Band und ohrenscheinlich auch in das Songwriting gebracht hat, kann man der Zukunft von Iced Earth durchaus wieder positiv entgegenblicken. Das Set der „World Dystopia Tour" weiß sehr zu gefallen, enthält einige selten gespielte Songs und endlich wieder das lange vermisste ‚Dante's Inferno'. Statt sieben Stücken vom neuen Album, hätte man vielleicht noch ein paar Hits im Gepäck haben können, aber da das Songmaterial von „Dystopia" wahrlich nicht schlecht ist, lässt sich das gut verschmerzen.
Der Sound war an diesem Abend leider sehr schlecht, was sich zusammen mit einigen anderen Dingen im weiteren Verlauf der Tour sicherlich (hoffentlich) noch ändern wird. Zusammen mit den beiden Vorbands, White Wizzard und vor allem Fury UK, hat man hier ein Paket geschnürt, das jedem Freund des gepflegten Heavy und Power Metals nur zu empfehlen ist.
Christian Schrübbers
Setlist White Wizzard:
01. Over the Top 02. 40 Deuces 03. Celestina 04. Starchild 05. Iron Goddess of Vengeance 06. Flying Tigers 07. High Speed GTO
Setlist Iced Earth:
01. Dystopia 02. Burning Times 03. Angels Holocaust 04. Slave to the Dark 05. V 06. Stand Alone 07. When the Night Falls 08. Damien 09. Dark City 10. Pure Evil 11. Anguish of Youth 12. My Own Savior 13. Anthem 14. Declaration Day 15. Days of Rage 16. Tragedy and Triumph ---------- 17. Dante's Inferno 18. Iced Earth |