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Als Anhänger derber Klänge muss man sich in diesem Herbst/Winter schon mehrmals überlegen, für welche Events man sein sauer verdientes Geld ausgibt - so riesig ist im Moment das Angebot an attraktiven Konzerten. Aber anscheinend sitzt das Taschengeld bei unseren Teenies immer noch recht locker, denn die Große Freiheit war am vergangenen Montagabend bist zum Bersten mit Zahngenspangen- und Seitenscheitelträgern gefüllt. Kein Wunder, wenn As I Lay Dying und Heaven Shall Burn, die Sperrspitzen des so genannten MetalCore, gemeinsame Sache machen.
Die altehrwürdige Große Freiheit war schon ziemlich gut gefüllt, als Dew-Scented pünktlich zur Tagesschau mit „Arise From Decay" dem Opener ihres aktuellen Albums „Invocation", den Abend eröffneten.
Die Norddeutschen, die im Vergleich zum Rest des Billings mit ihrem eher Old School orientierten Thrash Metal wie Exoten wirkten, verloren keine Zeit mit unnötig langen Ansagen, sondern konzentrierten aufs Wesentliche, den schädelspaltenden Thrash Metal. Die Ü-25 Generationen, wenn auch nur rar anwesenden, nickten zustimmend mit dem Kopf, während die jüngeren Fans jenseits der Volljährigkeit, sich noch sehr verhalten im Hintergrund aufhielten. Musikalisch war der knapp halbstündige Auftritt von Dew-Scented jedenfalls schwer in Ordnung. Lediglich dem Stageacting hätte es gut getan, wenn sich Leif und seine Jungs etwas mehr auf der Bühne bewegt hätten.
Was nun folgte, strapazierte meine Nerven bis zum bitteren Ende. Da Suicide Silence anscheinend gute Verträge mit dem Tourveranstalter angeschlossen haben, dürfen die Bengels wie die beiden Headliner die komplette Bühne nutzen und der Umbau der selbigen dauerte geschlagene 30-Minuten. Sehr zur Freude der zapfenden Damen an den Tresen, die frohgelaunt Wasser, O-Säfte und manchmal sogar Bier ausschenkten (wir erinnern uns: HSB sind Straight Edge und ein Grossteil der anwesenden Fans weit unter der Volljährigkeit).
Punkt 21Uhr bevölkerte eine unfassbar große Anzahl an Teenager, bekleidet natürlich in bunten Leibchen mit unleserlichen Bandlogos und mit schicken, sehr progressiven Frisuren den Platz vor der Bühne. Suicide Silence betraten, gesegnet mit einem fürchterlichen Sound, die Bühne und die Meute davor rastete komplett aus und verwandelte sich zu einem einzigen Klumpen Mensch. An dieser Band scheiden sich die Geister: Während die Kiddies im Pit ihren Spaß hatten, ohne Unterlass surften und ihre neuen Helden huldigten, verschränkten die alten Konzerthasen ihre Arme und guckten genervt auf ihre Uhren. Zugegeben: Fronter Mitch, so sehr er mich auch ein tätowiertes Streichholz in bescheuerten Sportschuhen erinnerte, hatte die Massen vor seinen Füssen im Griff und die Masse fraß aus seinen Händen. Er dirigierte die Leute zum Crowdsurfing, und die Leute prügelten sich ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht wenige Fans ließen sich nach der Show von den Sanitätern verarzten... Mir jedenfalls ging dieser so genannte Screamo, DeathCore or whatever Core-Kack schon nach gefühlten zwei Minuten derbe auf den Sack und ich war von der Eintönigkeit dieser ach-so-tollen-und-super-extremen Band nur angewidert. Glück für mich, Pech für die Fans, dass die fünf Amis angeblich unüberwindbare Soundprobleme auf der Bühne hatten und nach 22-Minuten (!) genervt die Bühne verließen. Value for money geht anders. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass das Ticket fast 30 € gekostet hat. Andererseits: Stille ist schon etwas Tolles.
Nervige Umbaupause, die Zweite. Wieder wurde die Bühne komplett umgebaut und das Schlagzeug für As I Lay Dying zusammengeschraubt. Dieses Mal dauerte der Spaß sogar 35 Minuten. Naja, jedenfalls wurden die Fans der Christencorler mit einem abwechslungsreichen (so weit ich es beurteilen kann, denn As I Lay Dying sind komplett an mir vorbeigegangen und ich besitze lediglich den aktuellen Output) Set belohnt. Die Fans vor der Bühne gingen nur unwesentlich softer mit einander um als zuvor bei Suicide Silence, dafür war der Sound mal so richtig fürn Arsch. Trotz Ohrenfilter drückte der Antisound derbe in die Hörgänge und ich bemitleidete Jene, die keinen Ohrenschutz in sich trugen. As I Lay Dying wurden trotz des Sounddebakels abgefeiert ohne Ende und beklatschten die Hits, von denen ich nur „Within Destruction" und „Parallels" wieder erkannte. Nach guten 55 Minuten schickten die Amis ihre Fans zu den Merchständen, um das Taschengeld in neue, noch hässlichere Shirts zu investieren.
Wie sollte es auch anders sein, auch die Umbaupause vor dem Headliner dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Ich frag mich nur, warum? Auf vielen anderen Tourneen spielen die meisten Bands über die gleichen Backline bzw. die gleichen Drums. Mit dem Soundtrack von „Das Boot", viel Selbstironie („Hallo, wir sind HSB aus Ostdeutschland") und dem Opener „Counterweight" zeigten Heaven Shall Burn gleich zu Beginn, wer Chef im Haus ist. Plötzlich war der Sound verhältnismäßig gut, das Publikum ging steil und hing an den Lippen von Sänger Markus Bischoff, der sich artig nach jedem Lied bedankte. Alles gut? Ja, die Thüringer sind mit den Jahres zu einem wirklichen Topact gereift, und es macht tierisch Spaß, HSB bei der Arbeit zuzusehen. Wie nicht anders zu erwarten, spielte die Band ein wahres Pottpourie an Hits (u. a. „The Omen", „Combat", „The Weapon They Fear" als erste Zugabe) und schon nach wenigen Minuten hätte man die schwarzen Hemden der Jungs auswringen können. Der absolute Hit des Abends hörte allerdings auf den Namen „Endzeit" und die Freiheit dürfte bei dem Pit, den der Song auslöste, dezent gewackelt haben. Herrlich, wenn ca. 1.3000 Leute zeitgleich ausrasten. Nach einer guten Stunde und der verdienten Zugabe (u. a. mit den beiden herrlichen Coverversionen „Black Tears" von Edge Of Sanity und Hate Squads „Not My God") war auch schon wieder Feierabend angesagt. Toller Gig einer grandiosen Band. Ich gehe sogar soweit und behaupte, dass HSB mittlerweile so etwas wie die einzig legitimen, wenn auch modernen, Nachfolger von Bolt Thrower geworden sind. Diese Brachialität, die die Thüringer an den Tag legen, erinnert mich jedenfalls sehr an das britische Death Metal Schlachtschiff.
Zum Ende möchte ich noch kurz auf die Security der Freiheit eingehen. Meines Wissens nach gab es in der Halle kein ausdrückliches Verbot, während des Konzertes Fotos mit dem Handy zu machen. Jedoch stürmten ständig zwei bis drei deutlich übermotivierte Pitbulls durchs Publikum und versuchten, den fotografierenden Fans die Leviten zu lesen. Und ob es gerechtfertigt ist, dass die Securtiy Fans, die öfters „unangenehm im Pit auffielen" einfach vor die Tür zu setzen, ist mehr als fraglich. Immerhin stachelten auch HSB die Fans dazu auf, Spaß im Pit zu haben...
Sven Meier
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