| Volbeat @ PIER2 – Bremen, 29.01.2009 |
| Geschrieben von: Sven Meier |
| Dienstag, den 09. Februar 2010 um 20:15 Uhr |
Das PIER2 ist mit der Straßenbahn (welch Abenteuer für eine Hamburgerin)
in circa 30 Minuten aus dem Stadtzentrum...
Bremens zu erreichen. Nachdem ich mit einigen fiesen Tricks, wie zum Beispiel den Geldschein in den richtigen Schlitz schieben, den Fahrkartenautomaten zum Herausgeben eines gültigen Fahrscheins gebracht habe, sitze ich Beck’s-trinkend in der Bahn und lausche den in Häufigkeit und Lautstärke steigenden „Volbeat“-Rufen. Stilecht mit elvislike hochgezogenem letzten Ton.Der Club ist kein Club als vielmehr eine große Halle mit Bühne und Empore, welche aber offensichtlich gesperrt ist. Ursprünglich war das Konzert im Schlachthof angekündigt, wurde dann aber hierher verlegt, wobei nicht ganz klar ist, in wie fern das ein kluger Schachzug war. Der Schlachthof wäre sicher muckelig voll gewesen, im PIER2 kommt aber allein beim Blick auf den gähnend leeren Rang irgendwie Unbehagen auf.
Punkt 20.00 beginnt die erste Vorband: The New Black aus Würzburg. Das neue Schwarz wird uns von Sänger Markus Hammer präsentiert, er trägt ein Cowboyhemd mit Leopardenfellimitation an Kragen und Manschetten. Die Matten der Herren mittleren Alters kreisen zu Liedern, die ich durch einen schwer differenzierbaren Soundbrei irgendwo zwischen Survivor und Edguy ansiedele. Auf dem Myspace-Profil der Band kommt die Musik deutlich treibender und moderner daher, da macht das eifrige Nicken und Posen der Jungs plötzlich sogar Sinn. Allein die „More than a man“-Attitüde des Fronters lässt aber keine Zweifel am Ursprung im Heavy Rock – Bereich der Achtziger Jahre. Dazu noch ein paar schöne, teilweise leicht folkige Licks und Soli und fertig ist die wenig abwechslungsreiche und dennoch amüsante Aufführung. Ich meine auch den Grund erkannt zu haben, warum die Herren als Support starten, auch die Würzburger schmücken sich - ähnlich dem Hauptact - mit einem schwingenumfassten Totenschädel, in ihrer Ausführung jedoch ohne Elvis-Tolle!www.myspace.com/thenewblackofficial Weiter geht es mit Raunchy. Ich weiß nicht warum, aber ich vergesse die Band immer. Sie sind gut, verdammt gut sogar. Ihre Songs animieren mächtig, Nicken ist beim Publikum schon unterste Pflicht. Ihr moderner Metal-Industrial-Crossover schafft es, trotz eifrigen Wechseln von geknüppelten Moshparts und offenen poppigen synthiunterlegten Refrains, spielend sehr symbiotisch zu klingen. Leider gleiten die Lieder manchmal aber auch, durch vergleichbare Arrangements und den Wechsel der Gesangsstile, zu sehr in Richtung softer Killswitch Engage-Imitation ab. Fronter Kasper Thomsen jedenfalls schreit und treibt voran, sieht allerdings in Röhre, Weste und darunter aufgeknöpftem Hemd mit hochgekrempelten Hemdsärmeln, American Apparel-artiger Brille und modisch aktuellem Tuch um den Hals so aus, als wollte er eigentlich lieber bei Mando Diao singen. Seine Ansagen kommen etwas gelangweilt daher. Wobei er während der Lieder eigentlich sehr viel Freude versprüht. Kasper scheint erst zum Ende der Show hin aufzutauen, die Ansagen werden lockerer, seinen Indie-Schick überspielt er mit Rülpseinlagen und dem Verteilen von Poklapsern für seine Bandkollegen. Ist wohl der Inbegriff dänischen Stageactings. Speziell Keyboarder Jeppe Christensen muss häufiger unter den Attacken des quirligen Fronters leiden. Christensen als Backroundsänger zu bezeichnen wäre eine arge Untertreibung. Darüber hinaus zeigt der Herr gehobene Multitaskingfertigkeiten: während er singt und die Keys bedient schraubt er noch locker an seinen Techniktürmen herum um Sounds einzustellen, das Ignorieren von Kaspers Klapsern nicht zu vergessen. Ich bin mir sicher, dass ich mir schon nach der Headbanger’s Tour im September geschworen hatte, mich mal näher mit den Kopenhagenern zu beschäftigen. Aber um ehrlich zu sein, ist das meiste, was ich von dem feuchtfröhlichen Abend in Århus noch weiß, dass Raunchy gespielt haben, ich sie angeblich gesehen habe und sie auch damals schon für sehr gut befunden habe. Wie gesagt: eine dicke Entschuldigung ist wirklich fällig!www.myspace.com/raunchy Anders als in der Großen Freiheit in Hamburg Anfang Oktober, entfaltet der „Guitar Gangsters and Cadillac Blood“-Banner von Volbeat im PIER2 seine volle Wirkung, er ist nämlich komplett sichtbar. Blöder Weise bemerke ich während des laufenden, im Vergleich zum Album deutlich verlängerten, Intros plötzlich meine Blase. Bin ja Fuchs und meine die Setlist weitestgehend aus Hamburg zu kennen. Zumindest die ersten beiden Songs erwarte ich in von der CD bekannten Reihenfolge, dem Titeltrack „Guitar Gangsters and Cadillac Blood“ sowie dem nach 60er Rock’n’Roll vermischt mit Melodicpunk anmutenden „Back to Prom“. Da Letzterer nicht zu meinen persönlichen Highlights zählt, plane ich ihn für einen Kloausflug zu nutzen. Meine Überlegung geht auf. Beim zweiten Song sind die Toiletten natürlich leer gespült und das Zurückkehren zum Platz fällt im anfänglichen Sortieren des Publikums auch nicht schwer. Davon ab ist es eh nicht brechend voll, zumindest bis runde sieben Meter vor der Bühne kann man sich bequem bewegen. Im Nachhinein wirklich eine gute Idee, das nur knapp drei Minuten lange „Back to Prom“ für den Klogang zu nutzen, da unser werter Kumpel André Henningsen von der Danish Road Crew, auch bekannt als „Volpapa“, eben dieses Lied mit gefilmt und auf sein Facebook-Profil gestellt hat. So habe ich dann auch einen Tag später erfahren, dass die DRC überhaupt dort war. Weder habe ich sie in Bremen, noch die eine Hamburgvertretung dort erwartet. So wurde das ausgefallene gemeinsame Bier eben einen Tag später via Pinnwanddialog auf Facebook intensiv betrauert. Beim nächsten Mal dann wieder! Für viele Überraschungen sorgt die Setlist nicht, wäre ja auch merkwürdig, da es sich trotz der fast einmonatigen Weihnachtspause weiterhin um die selbe Tour handelt, die die HRC bereits im Oktober in Hamburg besuchte. Sehr zu meinem Erstaunen fehlt dieses Mal allerdings das schnulzig schöne „Light a Way“. Selbiges adressiert Michael Poulsen, nachdem er „Sad Man’s Tounge“ stets seinem toten Vater widmet, gerne an seine Mutter. Somit bleibt aber auch Thomas Bredahls Knabenpunksopran – die Tonlage war wirklich, wirklich unmenschlich – aus. Zunächst. Ich freue mich riesig als Poulsen den Guitartech Rasmus „Arbu“ Neperus ankündigt. Dessen Kollege Christian Pedersen befindet sich ja mittlerweile mehr auf, als hinter der Bühne. Arbus Auftrag ist das ordnungsgemäß weitergeführte Gitarrenspiel beim „I only wanna be with you“-Crowdsurfing von Michael Poulsen. Lied und somit Arbu standen einige Zeit nicht auf der Setlist. Warum diese Einlage nun wieder zum Programm gehört, kann ich nicht sagen, Grund könnte aber unter anderem eine eigens gegründete Facebookgruppe sein, die forderte, dass Rasmus wieder mitspielen dürfe. Natürlich waren die Gründer in den Reihen der DRC auszumachen. Was Thomas den Zuhörern – und unter Umständen sich selbst – beim bereits erwähnten „Light a Way“ ersparte, kommt aber beim aktuellen Videosong „Mary Ann’s Place“ zurück. Nachdem der agile Gitarrist im ersten Refrain gnadenlos die sehr hohe Frauenstimme des eigentlich mit The Storm – Sängerin Pernille Rosendahl eingesungenen Duetts schmettert, schwant mir Böses für den Frauenstimmensolopart der zweiten Strophe. Den allerdings Michael Poulsen dann leicht abgewandelt, gefühlte drei Oktaven tiefer als Pernille, singt. Bemerkenswert ist, dass in dieser Passage ein Großteil des weiblichen Publikums lauthals die Frauenstimme anschlägt, dann aber schnell verstummt. Michael Poulsen adoptiert im weiteren Verlauf des Konzerts spontan ein Mädchen, das auf seine Nachfrage, warum es noch keinen neuen Volbeat-Merchandise-Artikel tragen würde, antwortet, dass es kein Geld dafür hätte. Poulsen bohrt weiter, ob sie keinen Vater hätte, als sie dies verneint stellt er nur lakonisch fest „Oh, ich ja auch nicht“. War aber wohl ein Missverständnis, denn offenbar hat sie doch einen Vater, der allerdings nicht Willens ist, Geld für Band-Shirts springen zu lassen. Da reicht der gute Herr Poulsen, nach der Frage, ob er dann mal kurz ihr Vater sein könnte, einen zwanzig Euro Schein zu ihr herunter, jedoch unter der Bedingung, dass sie dafür nur ein T-Shirt und kein Make Up kaufen solle. Bredahl lastet sein Workout, bestehend aus den wohlbekannten Sprüngen und dem nahezu balletesken derwischartigen Drehungen während des munteren Weiterspielens der Riffs, irgendwann auch nicht mehr aus und er wird zum Koordinator der konsequent überforderten Security. Mehrfach muss er eingreifen indem er die Ordner vor der Bühne zu den Plätzen dirigiert, an denen kurz vorm Kollaps stehende Fans mehr auf ihren Nachbarn hängen als selber stehen. Das Publikum merkt schnell, dass es von den Ordnern nicht viel Hilfe in diesen Situationen erwarten kann und geht dazu über, Bredahl direkt per Winken auf die Notlage aufmerksam zu machen. Ihren Abtransport beobachtet er dann pflichtbewusst, bis sie aus dem Blickfeld verschwunden sind. Schön, so verantwortungsvolle Musiker zu sehen. „The Garden’s Tale“ wird von Thomas mit einer schauspielerischen Einlage ergänzt. Nachdem Poulsen das Publikum auffordert, die dänische Passage mitzusingen – tolle Idee, um mich rum habe ich keine einzige komplett richtige Zeile vernehmen können – übernimmt diese Passage während des Liedes dann doch wieder der Gitarrist. Wie bei seiner Punkband Gob Squad rotzt Bredahl die Worte, in diesem Fall im breitestem Jytisch, heraus. Bei der Reprise der ersten Strophe zur Akustikgitarre von Christian Pedersen gesungen, gibt Thomas seine Gitarre ab und kommt mit Baseballkeule bewaffnet zurück zum Mikro. Mit theatralischen Gesten wie Hand auf dem Herz und opernsängerhaft erhobenem Arm, schmettert er die Strophe mit, wobei er den Schläger hinter seinem Rücken versteckt. Während des Outros begibt er sich dann seitlich hinter seine Boxenwand und erhebt den Schläger. Erst sieht es so aus, als wolle er entweder die Gitarre oder den Techniker zusammenschlagen, dann aber verharrt er in dieser Position. Die darstellerische Interpretation des Textes führt offenbar nicht nur bei mir zu einem Stirnrunzeln. Nach gut siebzig Minuten ist dann Schluss, Poulsen stellt Band samt Crew („und noch ein Rasmus und das ist Mads Mikkelsen, aber nicht der bekannte dänische Schauspieler“) und gefühlt noch deren halbe Verwandtschaft vor, bevor die Dänen die Bühne verlassen. Das Saallicht bleibt aus, die Bremer nehmen dies offenbar als positives Zeichen dafür, dass noch Zugaben folgen werden hin und halten sich mit Forderungsrufen zurück. Lediglich die altbekannten „Volbeat“-Rufe kommen wieder ein Mal auf. Mittlerweile ist das Call-and-Response-Spiel schon so bekannte, dass Poulsen nur noch „Say!“ rufen muss und die Fans prompt „Volbeat“ antworten.Es folgen noch zwei Songs, zwischendurch erneut - wie schon während des gesamten Konzerts - der Hinweis, dass sich die Band etwa zwanzig Minuten nach Showende am Eingang dem Publikum stellen werde, was dies mit eifrigem Applaudieren entlohnt. Beendet wird das Konzert mit „Still Counting“, dessen Ansage als Raterunde gestaltet wird. Michael fragt, wer wisse, welches Lied Thomas beginnen würde. Es kommen ein paar Vorschläge, Thomas fragt in seiner Ecke noch mal nach, was die Leute denn denken würden; schließlich einigen sich alle auf besagten Song und es geht los. Poulsen lässt dem Publikum den Spaß die erste Strophe bis zur Hälfte zu singen, um dann selber erneut am Anfang einzusteigen. Insgesamt ein ordentlich mitsingendes Publikum, das bei Ansagen aber offenbar in einen Kurzschlaf verfällt. Schon Raunchy hatten damit zu kämpfen, dass Reaktion auf „Give it up for Volbeat“ eher sparsam ausfallen und dieser Zustand zieht sich konsequent weiter. Auch wenn gerade Michael Poulsen mehrfach betont, wie großartig es für ihn – und die gesamte Truppe – sei, seinen Traum zu leben, dass dies nur durch die Albumkäufe und Konzertbesuche der Fans möglich wäre – wo sich das Publikum dann auch schon mal selbst beklatschen darf – wirken Volbeat etwas ausgebrannt. Und das trotz der just vorangegangenen Weihnachtspause. Sie mühen sich redlich die Bühne zu beackern, besonders Bassist Anders Kjøholm und Gitarrist Thomas Bredahl wechseln kontinuierlich die Seiten, feuern die Zuschauer an, grinsen, flachsen miteinander und scheinen alles andere als unmotiviert. Die Freude und Überraschung, als es mit der Band in Deutschland nach dem Megaerfolg in Dänemark plötzlich auch so richtig los ging, ist aber nicht mehr zu spüren. Die Spannung, wie die „neuen“ Songs live klingen und ankommen ist verflogen. Sie wurden im vergangenen halben Jahr wohl so oft gespielt, dass einige ältere Nummern oft frischer daher kommen. Trotz allem sind Volbeat weit davon entfernt, hier ein schlechtes Konzert abzuliefern. Das Publikum dankt mit Tanz- und Schunkellaune und manchmal sogar Applaus an den richtigen Stellen. Nach den Songs kann man damit ja nie viel falsch machen. www.myspace.com/volbeat |
| Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 12. Februar 2010 um 19:23 Uhr |