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Night in Gales im Interview

Manchmal kommen sie wieder... Night In Gales sind zurück und das ist auch gut so! Nach knapp 10 Jahren Szeneabstinenz liefern die Melodic-Deather mit ihrem neusten Streich „Five Scars" ein kräftiges Ausrufezeichen ab, das den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Thomas Engel sprach mit Sänger Björn Goosses und Gitarrist Jens Basten über die musikalische Großtat.

night in gales 2012

 

Hallo Björn, hallo Jens. Bevor ich euch mit unseren Fragen löchere, muss ich euch ein großes Kompliment für „Five Scars" aussprechen. Ich, wie auch viele andere Leute, hatte eigentlich mit dem Thema Night In Gales abgeschlossen und stillschweigend zur Kenntnis genommen, dass ihr in der „Versenkung" verschwunden seid. Offiziell gab es zwar nie eine Auflösung, aber Lebenszeichen auch nicht so richtig. OK, 2005 habt ihr zum 10-jährigen Jubiläum die EP „Ten Years of Tragedy" heraus gebracht - aber richtig aktiv unter dem Banner Night In Gales wart ihr nicht.

 

Wieso hat man solange nichts von euch gehört? Brauchtet ihr eine Auszeit?

Jens: Ja, die Antwort hörst Du auf „Five Scars". Das Album Nr. 5 hätte 2003 sicher nicht so überzeugend geklungen. Die Pause war mal notwendig, hat sich aber einfach so ergeben. Es war definitiv besser so.

Björn: Und auch, wenn wir im Vergleich zu manch anderen Bands vor besagter Pause gar nicht sooo lange unterwegs waren, so waren wir manchmal doch wie ein altes Ehepaar. Nur zu fünft statt zu zweit. Da ist ne Pause manchmal eh nicht verkehrt, haha!

Was war der Ausschlaggebende „Tritt in den Hintern", damit ihr mit dem Schreiben an neuen Songs begonnen habt?

Jens: Ich hatte nach dem Ausstieg bei Deadsoil wieder mehr Zeit und durchlebte zudem eine sehr positive Phase. Ich kann nur wirklich gut schreiben wenn es mir auch gut geht. Die Depri-Nummer haut bei mir mal gar nicht hin. Also die Zeit war einfach reif, ich habe das bei den ersten Songwriting-Sessions direkt gespürt. Die Songs sprudelten nur so und standen meist innerhalb weniger Stunden. Das ist immer ein gutes Zeichen. Das Material überzeugt dann sowohl die Bandmitglieder als auch die Ersten Testhörer auf diversen Partys. Da stand fest, das wir jetzt mal langsam Gas geben müssen und die Platte produzieren müssen.

Für mich stellen die Songs auf „Five Scars" einzelne Episoden in einer komplexen Geschichte dar, forciert durch die stete Wiederkehr der Streicher, sei es als Intro, Interlude oder Outro. Erläuter uns doch bitte das Konzept von „Five Scars", auch unter Berücksichtigung des Cover-Artworks. Worum geht es?

Björn: Keines unserer Alben war zwangsläufig von vorneherein als Konzeptalbum angelegt, also auch „Five Scars" nicht. Aber es ergibt sich einfach trotzdem immer ein gewisses Grundkonzept, was sich zum einen durch den musikalischen roten Faden bildet, zum anderen durch mein Vokabular und das thematische Kreisen um wiederkehrende Themen. Natürlich wird diese Grundsubstanz jeweils durch persönliche Stimmungen, Ansichten und Erlebnisse, die man während des Schreibens des jeweiligen Albums hatte, weiter beeinflusst. Waren die ersten beiden Alben noch eher „Sturm & Drang" bzw. „Aufbegehren", so ging es bei „Nailwork" eher chaotisch, reizüberflutend und reizüberflutet zu, und „Necrodynamic" nahm eine recht zynische Position ein. „Five Scars" hingegen birgt zu jeder Note und in jedem Wort eine tiefe Melancholie, einen sich schließenden Kreis und vielleicht auch ein Abschied nehmen. Daher auch die vielen Reminiszenzen. Jedenfalls finden sich auf „Five Scars" ein paar der dunkelsten und persönlichsten Lyrics, die ich je für Night In Gales verfasst habe. Und das spiegelt sich eben auch im Cover Artwork wieder, das letztendlich eine Umsetzung aller Texte, insbesondere aber vom Titelsong und von „The Tides Of November" ist.

night in gales covverBeim Lesen der Texte ist mir aufgefallen, dass du öfter Wörter bzw. Wortschöpfungen in verschiedenen Songs wiederholst. Bitte erkläre unseren Lesern, was du mit folgenden Wörtern meinst und/oder du mit ihnen verbindest:

Björn: Eigentlich lasse ich die Lyrics lieber für sich selbst stehen, aber gut...

* NEON: „Neon" steht logischerweise für alles, was überspitzt und pervertiert ist. Alles, was im negativen Sinne auffällig ist und schlechten Einfluss übt.

* FIVE: Fünf Alben, fünf Menschen, fünf Narben.

* ZERONAUT: Ebenso wie ein Astronaut die Sterne beschifft bzw. erkundet, oder ein Psychonaut den Geist, so erkundet der Zeronaut das Nichts, die Leere, den Tod. Jedoch nicht wie der Nekronaut mittels Nahtoderfahrungen oder Ähnlichem, vielmehr sucht der Zeronaut die Basis allen Seins, denn er weiß, dass er nichts weiß, und versucht daher, bei Null anzufangen. Das Ende ist der Anfang ist das Ende.

* QUICKSILVER: Einfach eine Umschreibung für das Blut, das bei manchen einfach etwas giftiger und schwerer durch die Leiber rinnt.

* GO GET SOME DEATH: Jeder braucht ab und an mal ein Stückchen Tod, und das ist mein Aufruf dazu! Holts euch, verdammt nochmal!

Wie gehst du das Schreiben neuer Songtexte an? Wie findest du den Ansatz?

Björn: Ich hab immer ne wilde Sammlung von Zeilen, Strophen, einzelnen Worten oder Songtiteln, beginne einen Songtext in der Regel aber erst, wenn der Song steht. Dann lasse ich mich erst mal von der Atmosphäre des Songs inspirieren, alles weitere fließt dann.

Das Aushängeschild einer jeden Band ist ja bekannter Maßen der Gesang. Mir ist beim ersten Hören sofort ausgefallen, dass du mittlerweile komplexere Arbeit ablieferst. Man hört nicht nur die typischen Screams und Growls, auch wirklichen Gesang hast du in dein Repertoire aufgenommen. Bisher hast du nur in deiner „Zweitband" The Very End so gesungen. Stand es zu Beginn des Songwritings bzw. der späteren Aufnahmen fest, dass du die cleanen Parts auch bei Night In Gales mit einfließen lassen würdest?

Björn: Ich sag mal so - es stand jedenfalls fest, dass trotz der Marschrichtung „Classic Melodic Death Metal" fürs neue Album melodischer Gesang zumindest kein Tabu ist. Die jeweiligen Parts wurden nicht für melodischen Gesang geschrieben, aber ich gab den Songs, was sie meiner Meinung nach verdienten, und nach ein paar Jährchen gemeinsamen Arbeitens vertraut Jens mir da auch bis zu nem gewissen Grad haha... vieles hat der Rest der Band erst im Studio gehört. Ich bin mit Sicherheit auch schon mal übers Ziel hinausgeschossen. Bestes Beispiel ist „Necrodynamic". Ich mag die Songs immer noch, und die Gesangsarrangements auch. Die Gesangsperformance allerdings war teilweise echt mies, doch statt von einem Produzenten zurückgepfiffen zu werden, zogen wir unser Ding durch, obwohl wir dem eigenen Anspruch hinterherhinkten. Aber man lernt ja aus seinen Fehlern, und heute würde ich mich im Studio nicht an einen Gesangspart wagen, den ich nicht sauber performen kann.

Wer war denn im Großen und Ganzen für das komplexe Songwriting verantwortlich? Gab es einen Hauptsongwriter oder konnten sich alle Bandmitglieder gleichberechtigt einbringen?

Jens: Die Songs stammen aus meiner Feder. Björn hat die Texte anschließend geschrieben und drauf arrangiert. Diese Arbeitsweise hat sich als die schnellste und erfolgreichste herausgestellt. Die Songs entstanden bei uns noch nie im Proberaum. Die Cello-Tracks hat mein Cousin Gunnar an unsere Songs angepasst komponiert und auch selbst aufgenommen.

Ihr konntet die Ikone Dan Swanö für die Produktion bzw. das Mastering gewinnen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit? Kanntet ihr euch bereits vorher?

Jens: Wir mochten u.a. seine Arbeit für unsere Kollegen von Harasai, zudem hatten The Very End bereits Ihr Debut von Dan mastern lassen. Der Kontakt war also schnell hergestellt und er hatte Bock auf die Platte. Der Hauptgrund für unsere Wahl ist aber vielmehr, dass wir alle Edge of Sanity Fans der ersten Stunde sind und in Dan einen Typen sehen, der unseren Sound versteht und der das richtige Feeling in den Fingern hat. Wir wollten keinen zu modernen, aber auch reinen Retro-Sound, ich denke das hat hervorragend geklappt!

Wo habt ihr die Scheibe aufgenommen?

Jens: Die Drums haben wir mit Roger Grüninger im 141 in Schwäbisch Hall aufgenommen. Die DI-Spuren von Gitarren und Bass bei mir zuhause am Rechner, den Gesang mit Darius Widera in den Synesthesy Studios in Wesel. Dan hat dann die Gitarren über ein Re-Amping Verfahren nochmals richtig aufgenommen und mit dem Mix losgelegt. Da wir uns selbst keine Deadline gelegt hatten und das alles vor der Labelsuche passierte, erstreckte sich das über einen Zeitraum von ca. einem Jahr. Das Ergebnis stellt uns voll zufrieden, wir werden das sicher das nächste Mal nicht groß anders machen.

nightingalesbandWie und wodurch bist du zur Musik gekommen? Was waren oder sind deine musikalischen Vorbilder?

Jens: Mein älterer Bruder Frank (ebenfalls Gitarre bei Night in Gales) kam im 6.Schuljahr durch einen Schulwechsel in eine waschechte 80er Jahre Metal-Clique in der Schule. Dadurch wurde ich gleich mit erzogen, quasi von Null an und ohne erst noch von anderem Mist entwöhnt zu werden. Nach Masters of the Universe kam quasi gleich der Metal, haha. Die prägenden Scheiben waren „Number of the Beast", „Somewhere in Time", „Battle Hymns", „Kings of Meta"l, „Fighting the World", „Holy Dive", „Appetite for Destruction" sowie ein Haufen alter Tapes mit Sachen wie Alice Cooper, Wasp, Metallica usw.

Björn: Als ich nach der Ich-höre-die-LPs-meiner-großen-Schwester-Phase das erste Mal bewusst selber Musik auswählte, war ich jahrelang ZZ Top Fan. Bin ich auch immer noch. Großartige Band! Zum Metal kam ich dann häppchenweise durch Kumpels, Mitschüler etc. Das fing mit den üblichen Verdächtigen an wie Black Sabbath, Danzig, Megadeth, Blind Guardian etc. Nach und nach wurden Schrauben natürlich immer fester angezogen, aber mittlerweile ist mein Geschmack sehr breitgefächert und kennt zumindest im Metal kaum Tabus. Es gibt natürlich auch viel Schrott, gerade außerhalb des Metal Genres, aber genau so gibt es auch jenseits des schwermetallischen Tellerrands großartige Künstler. So richtige Vorbilder hatte ich eigentlich nie. Natürlich hat man in den Anfangstagen auch mal Tomas Lindberg als Referenz für seinen Gesangsstil herangezogen, aber mit den Jahren zieht das natürlich immer weitere Kreise. Neben den offensichtlichen Größen wie Ronnie James Dio, Glenn Danzig, Phil Anselmo und Konsorten, haben mich auch eine ganze Reihe mal mehr, mal weniger bekannte Sänger beeindruckt, darunter zum Beispiel Joachim Baschin, Jan Lubitzki, Dax Riggs, Jeff Martin, Christoph Birx, Russel Allen, David Eugene Edwards oder Jacob Bellens.

Wie siehst du die Zukunft der Musikbranche vor dem Hintergrund der definitiven Bekanntgabe, dass die CD aussterben wird?

Björn: Ich denke, die Musikbranche wird es noch sehr sehr lange geben. Denn Musik wird es geben, solange es Menschen gibt, und in irgendeiner Form wird sich dann auch Geld damit verdienen lassen. Die Musikbranche muss sich halt immer wieder neu erfinden. Außerdem hat sie schon mehrere Formate kommen und gehen sehen. Die CD ist ja jetzt auch nicht das ultimative Medium. So oder so denke ich aber, dass die Metalszene, in der es auch viele Sammler und Nostalgiker gibt, weiterhin was in der Hand haben möchte, wie auch immer der Tonträger aussehen mag. Und solange ich weiterhin mit Killustrations diese Tonträger gestalten darf, ist mir deren letztendliche Form auch egal, haha!

Jens: Ich finde es schade, wenn jetzt auch die CD geht. Die Profit-Thematik dahinter ist mir natürlich einleuchtend, aber mir persönlich egal. Ich bestelle mir heute wie damals auch immer mal wieder Vinyl. Ich hab da einfach Bedarf. Mit einem Download kann ich nichts anfangen, ist mir zu wenig und das Booklet und der „Geruch" fehlt! Außerdem, worauf sollen wir künftig unterschreiben? Auf m Rohling? Auf einem USB Stick? Oder auf der ITunes Quittung?

Wie sind die weiteren Pläne mit Night In Gales? Ist jetzt wieder für 10 Jahre Ruhe? Wird man euch auch live wieder sehen können?

Jens: Wenn alles glatt läuft dürfen wir nochmal ran und schreiben einen Nachfolger. Dazu muss die Scheibe erst mal gut verkaufen. Dann muss wieder die richtige Stimmung da sein, das werden aber keine 10 Jahre sein, in dem Alter will ich dann langsam endlich in die musikalische Endstation, eine Thin Lizzy Tribute-Kapelle einmünden, haha. Es wird auch nicht einfach, „Five Scars" nochmal zu toppen. Einen Versuch ist es aber allemal Wert.

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen hast uns Antwort zu stehen. Die letzten Worte gehören euch...

Jens: Vielen Dank, Thomas, für diese coole Interview! Wer die Scheibe noch nicht gehört hat soll dies mal nachholen, wer sie illegal gezogen hat, der möge bitte ein T-Shirt ordern. Hoffe man sieht sich auf der ein oder anderen Show auf einen Krug Bier.

Björn: Ja, ich hab auch zu danken! Hat man nicht oft, dass sich die Leute auch mal etwas intensiver mit den Lyrics befassen, wenn man nicht gerade auf ach so authentischen Hippie-Okkult-Zug aufgesprungen ist haha! Cheers!

Thomas Engel /XXL-Rock

 

 
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