Interview mit The Retaliation Process
Geschrieben von: Sven Meier   
Dienstag, den 09. Februar 2010 um 22:33 Uhr
Nayled sind tot, es lebe The Retaliation Process! Warum die alte Band zu Grabe getragen wurde und was sich sonst noch so alles bei den Hamburgern getan hat, erfahrt Ihr im Interview mit Jury (Gitarre) und Micha (Bass). Die beiden haben sich die Zeit genommen einige Fragen von xxl-rock.de per Email zu beantworten. Danke an Euch! Viel Spaß beim lesen!

Hallo, Jungs! Wie geht’s Euch? Die letzten Monate waren ja sicherlich etwas stressig. Eure Band Nayled wurde nach den Aufnahmen des Debütalbums noch vor der Fertigstellung an den Nagel gehängt. 
Was war denn da nun genau los?


Jury: Moin, uns geht’s gut. Wir haben ja gerade erst letzte Woche unseren ersten Gig gespielt und es ist natürlich ein tolles Gefühl, die neue Band langsam wachsen zu sehen. Puh…das Ende unserer Vorgängerband zusammenzufassen ist mal gar nicht so einfach, aber ich versuch es mal: Wir waren, nach 2 Mini-CDs in Eigenregie, bereits das dritte Mal auf Sängersuche, da uns unser damaliger Sänger - neutral ausgedrückt - aus verschiedenen Gründen völlig fremd geworden war. In der gesamten Bandbreite ist es eine extrem traurige Geschichte, aber das geht uns doch eher persönlich was an. Hetze bringt da jedenfalls nix, jeder trägt seine eigene Version der Geschichte in sich und so wird es wohl auch bleiben, da jeglicher Respekt verloren gegangen ist. So was ist jedenfalls schon mal derb scheiße für alle Beteiligten, da geht vieles wieder von vorne los. 

Klar war aber sofort, das Kummer , Micha, Gado und ich weiter zusammen Musik machen wollten. Als wir in Christoph dann nach langer Suche den richtigen Mann gefunden hatten, änderte sich mit ihm auch unser Gefühl darüber, was für uns als Bandkollegen der sinnvollste Schritt wäre. Es hätte sich nicht frisch und richtig angefühlt, krampfhaft an einem vorbelasteten Namen festzuhalten. Erst mit dem Wechsel bekamen wir den Spaß an der Musik zurück und konnten uns hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste Neuorientieren. Dennoch ist vieles, was man nun auf der Scheibe hört, eine radikalisierte Form von dem, was Nayled geplant hatten, nur noch konsequenter und „metalisierter“ ausgeführt. Somit war der Prozess nicht sinnlos, denn es entstanden vor, während und nach der problematischen Zeit massig Ideen und Fragmente, die wir für TRP nutzen konnten. Wir befinden uns mit TRP nun in der glücklichen Position, eine wirklich positive Vision zu haben, das ist sehr gut!

Micha: Ich sach ma so, in so einer Gemeinschaft der Egozentriker ist Gleichgewicht ein fragiles Gut. Da müssen alle an einem Strang ziehen, oder dieselben Ziele haben um eine produktive Arbeitsebene zu generieren. Wenn die Ziele nicht mehr deckungsgleich sind, ist das System zum Scheitern verurteilt. Da geht schnell die Kreativität in Grabenkämpfen knapp nach dem Spaß verloren.

Nun also ein Neuanfang unter dem Namen The Retaliation Process. Warum und wieso habt Ihr denn nicht einfach den alten Bandnamen beibehalten? Immerhin ist der Name Nayled einigen schon ein Begriff gewesen…

Micha: Wir wollten ganz einfach das positive Gefühl des Neuanfangs auch nach außen kommunizieren. Die alten Geschichten und auch Erwartungshaltungen und Vorurteile, sollten für die TRP Zukunft keine Rolle spielen. Und der Bekanntheitsgrad der alten Formation...nun gut, klar gab es gute Reviews, aber wenn ich mir die alte MS Seite anschaue, finde ich keinen großen Fanaufschrei und wirklich vermisst wird die Geschichte scheint’s auch nicht. Das substitutiv is ja nu auch bedeutend besser geraten, von daher ist der Verlust wohl als eher gering einzuschätzen. Das ist sozusagen die „aus Raider wird Twix“ Geschichte, mit dem Bonus, dass bei uns der Inhalt noch besser geworden ist. 

„Retaliation“ bedeutet soviel wie „Gegenschlag, Vergeltung oder Vergeltungsmaßnahme“ – gegen wen?
Was bedeutet für Euch der Bandname und wer von Euch hatte die Idee?


Jury: Der Name drückt einfach unseren Willen aus, sich nicht unterkriegen zu lassen. Es ist unsere Antwort nach all der erlebten Scheißzeit, was weit über die Bandinternen belange hinausgeht. Es ist in den Leben der Bandmitglieder so viel passiert und in meiner Interpretation somit stellvertretend ein Motto in der Art von „Wer eines auf die Fresse bekommt muss auch wieder aufstehen“. Es drückt einfach den kämpferischen Drang des Weitermachens und sich nicht unterkriegen lassen aus. Nur deshalb gibt es diese Band und „The Retaliation Process“ ist eine gute Beschreibung davon, was uns ausmacht. „Stronger than all“, um es mit Pantera zu sagen .

Micha: Das is ne Kampfansage! Jetzt is Schluss mit den Kindermelodien! 

Jury Haha..ja genau!

Wie seid Ihr an Schreihals Christoph gekommen, der ja auch bekanntlich bei 
Irate Architect singt?


Micha: Um ehrlich zu sein, hab ich keinen Schimmer! Irgendwann nach ..nem gefühlten Jahrzehnt auf Sängersuche, stand er halt im Proberaum, hat sein Ding durchgezogen und nach kurzer „Schnupperphase“ und Zieldefinition war er an Bord...der Rest is Geschichte;)
... wir waren kurz davor, Jury das Mic zu überlassen...das war also Rettung in letzter Sekunde;)
mit Christophs kompromissloser Verwurzelung im „Death Metal“ gibt er TRP die Erdung, den zusätzlichen Schub Aggressivität und vor allem eine Perspektive für die Zukunft, in der wir uns musikalisch noch mehr in Richtung härter/schneller/lauter entwickeln können, als es uns in der vorherigen Konstellation möglich war. Wer jetzt wen kontaktet hat...egal! Hauptsache er schreit jetzt für TRP!

Jury: Joah präziser gesagt, er hat uns angemailt, weil er vom nem gemeinsamen Kollegen gehört hat, dass wir einen Sänger suchen. Wir haben dann auch relativ lange geguckt und probiert ob es passt und irgendwann haben er und wir dann Butter bei den Fischen gemacht und mit ner Vorproduktion angefangen. Seitdem ist er noch nicht weggelaufen…

Ist es nach dem ganzen Hin und Her mit Eurem Ex-Sänger und dem damit verbundenen Verzögerungen und dem nicht so richtig aus dem Quark kommen mit der Zeit nicht etwas frustriertet?

Jury: Klar, war es zwischenzeitlich sicher, mal mehr und mal weniger. Aber was sollen wir machen? Uns krampfhaft aneinander fesseln, obwohl uns nichts mehr verbindet? Dann wird das Musik machen schnell zur Tortur. Aber gerade jetzt fühlt sich alles sehr gut an, weil wir unser neues Baby langsam wachsen sehen und alles nach unseren Vorstellungen läuft. Die Band ist ja immer noch ein Hobby, wir leben ja nicht davon, sondern nutzen sie, um kreativ zu sein und ne Menge Spaß zu haben! 

Micha: Das war mehr als frustrierend, aber andersrum wäre es noch viel frustrierender geworden. Die getroffenen Entscheidungen und der in Kauf genommene „Rückschlag“ haben sich jetzt schon ausgezahlt. 

Ich habe ja schon einige neue Songs bei MySpace gehört. Für mich klingen die neuen Songs Kompakter, reifer und irgendwie schimmert der Death Metal-Hintergrund von Jury immer wieder durch. Wie beschreibt Ihr die neuen Songs?

Jury: Death Metal Zitate sind da auf jeden Fall vorhanden. Genau so gut aber guter moderner Thrash mit viel „Ten Ton Hammer“ und einem Schuss Melancholie. Ich glaube es ist eine ziemlich groovebetonte und klischeefreie Metal-Mischung, gerade auch weil Kummers Schlagzeugspiel ziemlich einzigartig klingt, es rollt irgendwie immer nach vorne…Es ist aber auch schwer, sich selber zu kategorisieren, gerade auch weil wir eigentlich nicht viel überlegen. Es klingt einfach wie es klingt. Aber scheuklappenfreie Freunde von Machine Head, Entombed, Lamb of God, Unanimated oder At The Gates könnten sicher Spaß daran haben.

Micha: Da sind Death Metal Zitate drin? Verdammt, wo bin ich da rein geraten;).

Wann können wir endlich mit dem Album rechnen? Und habt Ihr Angebote von Labels oder bringt Ihr die Scheibe evtl. als Eigenproduktion raus?

Jury Diesbezüglich ist immer noch alles unklar. Wir haben noch nicht mit der Suche angefangen. Unser Produzent ist etwas im Verzug, da er sich zwischenzeitlich noch um eine andere Produktion kümmern musste. Es wird also noch abschließend gemastert und erst dann geht die Suche wohl endlich mal los. Am Besten checkt ihr von Zeit zu Zeit unsere MySpace Page (www.myspace.com/theretaliationprocess) für News.

Micha: Die Situation is die, die Labels stehen Schlange und winken mit exorbitanten Beträgen, aber leider sind wir so in unserem Perfektionismus uneins, dass wir uns einfach auf keinen Mix einigen können...ich denke: „Das kann noch dauern“, und wenn alles schief geht bringt jeder seine Version als Eigenproduktion raus! Um ehrlich zu ein, keine Ahnung was gehen wird. Unser Vorteil ist, dass wir jetzt schon so lange warten, dass es auf einen Monat mehr oder weniger nicht mehr ankommt. 

Was ist in nächster Zeit Konzerttechnisch geplant?

Micha: So viel wie möglich!

Jury: Bisher stehen einige Gigs für Oktober und November an und wir hoffen sehr, dass da noch mehr Veranstalter an uns herantreten werden! Die bestätigten Dates findet Ihr auch auf unserer Page.

Letzte Woche hattet Ihr in Hamburg Euren ersten Gig. Wie lief es für Euch ab? Dafür, dass es der erste gemeinsame Auftritt war, fand ich es wirklich gut. Es gab schon erheblich schlechtere Gigs von größeren Bands

Micha: Es gibt größere Bands als uns? (Naja, sponatn würden mir nur Metallica einfallen  - Sven) War schon schön wieder auf der Bühne zu stehen. Am Anfang (nach dem Split) waren es Entzugserscheinungen, die einem an den alltäglichen Dingen hinderten, am Ende hatte man es dann fast verlernt. Aber halt nur fast, wir sind ja inzwischen auch sichtbar keine Anfänger mehr und die Instrumentenfraktion hat ja schon den einen oder anderen Gig zusammen gerockt. Das zahlt sich natürlich in dieser Situation aus, dazu kommt noch dass Christoph ja mit Irate Architect auch in der TRP-Pause aktiv gewesen ist und dadurch noch dichter am Live-Feeling dran ist, als wir es die letzten Monate waren. Aber ein wenig Verbesserungspotential sehe ich schon noch, aber ich gebe dir recht, wir können ganz zufrieden mit dem ersten Gig sein.


Wir liefen uns ja auf dem diesjährigen Wacken Open Air über den Weg. Was hat Euch da am Besten gefallen? Und damit meine ich nicht die Party mit Rike und Julika

Jury: Wacken war dieses Jahr ziemlich lustig, da wir mit ca. 20 Bekannten unterwegs waren, da kann dann gar nicht mehr viel schief gehen. Von uns waren aber nur Kummer und ich da. Christoph zwar auch, aber der hat da beruflich zu tun gehabt. Geil waren At The Gates, Grave, Killswitch oder auch Kreator, die haben mich ziemlich überrascht! Enttäuscht war ich hingegen von Carcass, obwohl ich die Band liebe…

Micha: Ach ihr wart aufm Wacken und habt mir nich Bescheid gesacht...schönes Ding, das merk ich mir.

Jury: Micha wollen wir auch nicht mitnehmen, der ist als unser Bandopa einfach zu alt für den Scheiß, er heult ja schon nach ..ner halben Stunde livespielen rum dass ihm alles wehtut…

Welche Alben oder Bands haben Euch in letzter Zeit richtig umgehauen und was brachte Euch zum heulen?

Jury: Zum heulen nix…aber ich höre zurzeit gerne Black Light Burns, Celldweller, Hail of Bullets oder die neue Anathema.

Micha: die neue „Elbow“ fällt mir ein, aber auch die letzte „Thrice“ find ich großartig. Für die Zielgruppe würde ich die letzte „Emmure“ ins Feld schicken, großartige Kompromisslosigkeit, am 01.12 mit „Bury Your Dead“ in der Markthalle! Pflichtprogramm!

Möchtet Ihr sonst noch was loswerden? Musikwünsche oder Grüsse an die Oma?

Jury: Ja, hallo Oma, danke für die Socken!
Micha: ?Hä?

www.myspace.com/theretaliationprocess
 
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